Kolumne Ortsgruppe Jegenstorf: Warum wir parteiisch sein dürfen
2. Februar 2025 – Wir Jegenstorferinnnen du Jegenstorfer sind wieder mal zur Wahl aufgerufen – welch ein Privileg!
In einer erfolgreichen Gesprächsführung soll Politik als Thema vermieden werden. Dies rät im spannenden Interview Matze Hielscher über «Wie führt man ein gutes Gespräch» im «Das Magazin» vom 21.12.2024. Obwohl ich diese Erfahrung leider auch schon machen durfte, möchte ich dazu die Antithese aufstellen. Vielleicht ist es in gewisser Weise auch eine Antwort oder mindestens eine Ergänzung zum Text von Andreas Lehner im letzten Jegenstorfer:
Politik fühlt sich oft an, als würde man sich aufs Glatteis wagen: Unsicherheiten, Risiken und die Gefahr, sich zu verrennen, sind allgegenwärtig. Dennoch ist es wichtig, dass wir uns in den Diskurs einbringen, gerade in einer Zeit, die von globalen Krisen, Unsicherheit und einer zunehmenden Autokratie und Polarisierung geprägt ist.
Die steigende Autokratie führt unweigerlich zu einem Verlust von Sicherheit – sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Doch Sicherheit ist die Grundlage für Wohlstand: Sie schafft Vertrauen, fördert Stabilität und ermöglicht Entwicklung. Sicherheit entsteht jedoch nicht von selbst. Sie erfordert harte Arbeit, gezielte Investitionen und eine nachhaltige Strategie, um langfristig Frieden, Gerechtigkeit und wirtschaftliche Prosperität zu sichern. Nur durch diesen Einsatz kann die Basis für eine stabile und wohlhabende Gesellschaft erhalten bleiben.
Figuren wie Trump oder Putin führen uns vor Augen, wie verletzlich demokratische Systeme sind. Machtmenschen wie sie emotionalisieren, verunsichern und spalten. Wann haben Sie sich das letzte Mal darüber aufgeregt oder gar empört? Ich das letzte Mal als ich den Artikel über Trump «Alle wollen seine Freunde sein» im Bund vom 4.1.2025 las oder die etwas verstörenden Bilder der Inauguration von Präsident Trump am 20.12025 mit all den Reichen und Mächtigen in Reih und Glied.
Obwohl es vielleicht etwas vermessen scheint diese globalen Themen auf die Jegenstorfer-Politik zu projizieren: ich bin überzeugt, dass es gerade im Kleinen anfängt, was im Grossen wirken soll.
Wie können wir unsere Sicherheit wahren und das System stärken? Und wie schaffen wir es, uns gegen Polarisierungen und vereinfachte Weltanschauungen zu wehren?
Die Antwort liegt in unserem eigenen demokratischen Fundament. Unser politisches System basiert auf Parteien – sie sind das Rückgrat unserer Demokratie. In der Schweiz haben wir das Glück, ein Milizsystem zu besitzen, das auf aktiver Mitgestaltung durch die Bürgerinnen und Bürger aufbaut. Natürlich ist das Parteiensystem nicht perfekt, aber bis eine bessere Alternative kommt, ist es unsere Aufgabe, dieses vorhandene System zu unterstützen.
Im internationalen Vergleich bietet uns die Schweiz eine bemerkenswerte Wahlfreiheit. Während Länder wie die Niederlande mit über 16 Parteien oft in politischer Zersplitterung enden oder Länder wie Russland und die USA mit nur 1–2 dominierenden Parteien den politischen Diskurs stark einengen, haben wir eine ausgewogene Vielfalt von einem guten halben Dutzend relevanten Parteien. Das gibt uns die Chance, differenziert und bewusst zu wählen, ohne in die Extreme der Zersplitterung oder Einseitigkeit zu verfallen.
Doch Demokratie lebt nicht allein von Wahlen. Es reicht nicht, alle vier Jahre unsere Stimme abzugeben und dann passiv zuzuschauen. Eine aktive Beteiligung oder eine Parteimitgliedschaft tragen zur Stabilisierung unseres Systems bei. Sie stärken den politischen Diskurs und leisten einen Beitrag zu einer der grössten Stärken der Schweiz: dem Kompromiss. Gerade in einer polarisierten Welt brauchen wir den Austausch zwischen
unterschiedlichen Meinungen, um zu gemeinsamen Lösungen und Resonanzen zu finden (siehe auch SRF Tagesgespräch mit Hartmut Rosa vom 28.1.2025 «Uns fehlt eine positive Zukunftsvision»).
Ein Parteiengagement bietet aber nicht nur Vorteile für die Demokratie, sondern auch für uns persönlich. Politische Arbeit stärkt die Resilienz und Frustrationstoleranz, da man sich immer wieder mit Kompromissen und langen Prozessen auseinandersetzen muss. Zudem bringt sie Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammen und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und nicht zuletzt sorgt sie auch für gesellige Momente und bereichernde Begegnungen.
Das dünne Eis der Politik mag unsicher erscheinen, aber wer darauf balanciert, sorgt dafür, dass es nicht bricht. Also wagen wir es: Wählen wir, handeln wir, und werden wir parteiisch!
Übrigens: Der erste Schritt, Position zu beziehen, wäre aus meiner Sicht mit der Bezahlung des Mitgliederbeitrags 😉. Es geht nicht nur darum, Resilienz gegenüber der gewählten Partei zu zeigen, sondern vor allem darum, der jeweiligen Interessensorganisation den nötigen Rückhalt für ihre wertvolle Arbeit zu geben und ihr Rückgrat zu stärken.
Jegenstorferinnen und Jegenstorfer ihr habt in unserem Dorf die Wahl: Meldet euch! Die Präsidien der Ortsparteien freuen sich über ihr Nachfragen. Ganz besonders freut sich die Mitte Grauholz über Reaktionen ([email protected]).
Claudio Caprez, 02.02.2025
